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PERSIS EISENBEIS

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art Karlsruhe

18.bis 21 Februar 2016

Galerie am Dom

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Verdrängtes, Pathos und Ornament

Die 1969 geborene Künstlerin verbrachte ihre Schulzeit in der reformpädagogisch geprägten Summerhill Internatsschule in Leiston (Suffolk, England) sowie unter den avantgardistischen musikalischen Äußerungen solch bahnbrechender Bands wie Bauhaus, The Clash, Crass und Die Goldenen Zitronen. Das war der verwirrende Sound der Achtziger, geprägt durch Punk und melancholisch kaltblauen Synthie-Pop. Diesem Erbe verdankt die Ästhetik ihrer Bilder einiges. Man meint die Sounds zu hören. Ergebnis einer Jugendzeit mit Radio, Schallplatten, Musikkassetten, Filmen. In den entscheidenden Momenten spielt Musik, und wenn sie nicht spielt, dann kommt es einem so vor, als hörte man sie trotzdem.

Ihre Bilder haben viel mit „Geschehenlassen“ zu tun. "Ich habe mir nicht so viel dabei gedacht." Ja, kann es denn sein, dass eine Künstlerin solche Bilder malt, einfach so? Auf die Form komme es an. Aber ihre Bilder, kleine Poesien der Einsamkeit, der Gemeinsamkeit, des Lebens – die verarbeiten doch bestimmt ihre persönlichen Erfahrungen? "Ich bin mir nicht so klar darüber, welchen Anteil mein Gemütszustand daran hat", sagt sie. ‹ber Bilder denke sie nicht nach. Sie male sie bloß. "Die Fragen stellen sich, indem man etwas macht. Und macht man etwas, beantworten sie sich auch." Und dann taucht die Künstlerin wieder in ihre Bildbrunnen ein, tiefer und tiefer hinab. Verdrängtes, Pathos und Ornament, klar und perfekt ausformuliert, bilden einen speziellen Wirkmechanismus.
Eines muss man Persis Eisenbeis lassen: Sie weiß wie man einen Gang auf des Messers Schneide hinlegt. In ihren Bildwelten hausen Lakonie und Eigensinn, abgründiger Humor trifft auf ornamentale Untermalungen.
Persis Eisenbeis ist vorsichtig mit Worten, wenn es um ihre Arbeit geht. Sie ist sich sicher, Ihre Bilder finden sie, versuchen, durch sie hindurch zu dringen, „was nicht heißt, dass ich beim Malen meinen Kopf ausschalte“. Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Andeutung und Eindeutigkeit. Die Serie „Gedankengang“ - das Gegenteil intelligenzbasierter Gefallsucht - ist ein farblich bestechender Mehrteiler und so etwas wie die emotional verdeckte Brutstation für all die Weltbehandlungen, die dann zwischen den Keilrahmen ausprobiert werden.
Mal setzt die Künstlerin geschmeidig an, mal scharf konturierend. Es gibt bei ihr die malerisch weich fließenden, im Nebulösen angesiedelten Bilder und die bissigen, kontrastreichen.
Häufig werden Begegnungen inszeniert zwischen hoffnungsvollen jungen Menschen und Tieren als ob sie über dunklen Wassern schweben.
Unter ihnen ist Gefahr, dahinter zumindest ein Versprechen auf Rettung – durch das Ornamentale, welches sich als beruhigender, auffangender Hintergrund, durchaus auch als Kommentar zu den angedeuteten Grenzüberschreitungen zu erkennen gibt. Die Bildgewichtungen reizen auf vielschichtige Weise die Dynamik des Verschwisterten und Verschlungenen aus, während Persis Eisenbeis, auf Innerlichkeit bauend, aber nie sentimental (was das eigentliche Kunststück ist), zurückzukehren scheint zu Momenten ihrer frühesten Prägung.

Das Beste an diesen Bildern ist: sie sind nicht konfektioniert. Sie regen unsere Fantasie und Kreativität an.
Die Umgangsformen der Pubertierenden sind nicht die besten. Und wir wissen auch, woran es liegt: an den Märchen, an unbelehrbaren Schriftstellern, Künstlern, am Fernsehen, an Computerspielen, an popmusikalischem Aufruhr. Unzensierte Botschaften melden sich aus dem Unterbewussten zurück, kindlicher Sadismus darf aufglimmen. Leuchtet hier elterliche Schamesröte auf? Von wegen „Kinder brauchen Grenzen“ – diese Schablone politischer Korrektheit verwirft die Künstlerin zugunsten eines Plädoyers „grenzenloser Gedankenfreiheit“. Die Empörungswellen schlagen hoch, denn die kindliche Seele ist keineswegs rein und unschuldig, sondern von früh an gesättigt mit Aggressivität - oder sollten wir besser sagen: Vitalität?
Irritierend und famos zugleich, herausfordernd eben macht Persis Eisenbeis ihre Teenager zur Projektionsfläche des erwachsenen Autonomieideals. In diesem rousseauistischen Humus kann der kindliche Narzissmus prächtig gedeihen. Mit einer originellen Mischung aus Farbe und Spitzbüberei malt die Künstlerin an gegen die Tugendwächter. Sogar gegenüber Tieren wirkt die Macht des Bösen. Sie lässt es einem schwer werden ums Herz im Angesicht der Dahingeschiedenen. Die Schönheit dieser Bilder fordert Opfer.

Es gibt in ihren Bildern atemberaubende Einblicke: „Mädchen und Goldfisch“ - eine stille, zeitverlorene Welt für sich. „Die Kartenlegerin“, Schnittmenge für das Persönliche im Erwarteten. „Drei Jungs“ – geknüpft an die Frage: wo endet kindliche Freiheit und wo beginnt Normierung? „Die Jungfrau“ – Ironisierung des Marlboro-Cowboys, ein Bild ohne Scham in der Durchdringung von Gefühl und Politik.

In vielen Bildern tritt das Ornamentale wie ein geheimnisvoller Vorhang in Erscheinung, eine meditativ ausformulierte Motivverkettung, nachdenklich und kostbar zugleich, aufgespannt wie gigantische, farbenprächtige Schmetterlingsflügel. Persis Eisenbeis nutzt das Ornament als Ursprung der Abstraktion und setzt es klug gegen den Realismus der Figuren.
Spannend zu erleben, wie die Künstlerin unseren Blick schärft für die keineswegs nur inhaltslos dekorativen, sondern immer auch vielschichtig semantisch aufgeladenen Abstraktionen. Ob organische Linie oder Geometrie, „primitives“ Erbe oder eigener Entwurf – gewildert wird in allen Gefilden, die komplexe Kosmen versprechen.

Die Ambivalenz dieser Bilder ist bewundernswert. Das Komponierte, formal Strenge, wirkt immer auch leicht und intuitiv, wie Traumstaub. Erstaunlich, dass bei aller Präzision und hellwachen Differenzierung eine fließende Leichtigkeit bleibt, selbst wenn die Rätselhaftigkeit ins Bedrohliche umzuschlagen beginnt.

Christoph Tannert (Januar 2013)


Anmerkung

Sämtliche Zitate beziehen sich auf ein Gespräch zwischen Persis Eisenbeis und dem Autor, geführt am 17.01.2013.